Schauspieler Michael Joachim Heiss im Interview

27. Mai 2011

Michael Joachim Heiss’ Gesicht war in den letzten Jahren immer öfter in diversen Film- und TV-Produktionen im deutschsprachigen Raum zu sehen. Zuletzt gab der sympathische Österreicher im Kino-Hit “Der Atem des Himmels” den Bösewicht “Werner Metzler”. Wir haben den gefragten Schauspieler bei einem Kurzbesuch in seiner Vorarlberger Heimat erwischt; obwohl der Mann von den Reisestrapazen noch sichtlich gezeichnet war, liessen wir uns die Gelegenheit nicht entgehen und baten ihn zu einem ausführlichen Interview.

(Foto: Petro Domenigg)

Michael Joachim Heiss bedroht Tobias Moretti mit einer Pistole. Szene aus "Flores Negras". (Foto: Petro Domenigg)

Rockefeller-News: Michael Joachim Heiss, erzähl mal wie du zur Schauspielerei gekommen bist – war das immer schon ein Traum von dir, vor der Kamera oder auf der Bühne zu stehen, und wie hast du ihn verwirklicht?

Michael Joachim Heiss: Eigentlich hab ich das mehr oder weniger als Hobby betrieben – Amateuerbühnen, Amateurmusicals, diverse Auftritte als Schlagzeuger und Sänger mit Bands – bis ich dann nach Wien bin; dort habe ich erst einmal Jazzgesang studiert.

Rockefeller-News: Und wie ging es dann weiter?
Michael Joachim Heiss: Während des Studiums habe ich aus Interesse ein Semester Schauspiel als Nebenfach belegt; dann habe ich ein Jahr lang beides parallel studiert. Ich musste mich dann jedoch für eines von beiden entscheiden, weil beides zusammen einfach zu viel Aufwand war, vor allem zeitlich.

Rockefeller-News: Und Schauspiel hat dir dann doch besser gefallen als Gesang?
Michael Joachim Heiss: Erstens einmal gefiel mir die Schauspiel-Arbeit besser; ich habe dort auch viel mehr Fortschritte an mir selber festgestellt – und ich habe auch bald gemerkt, dass mir das spielen einfach noch mehr liegt als die Musik.

Rockefeller-News: Wie lang muss man studieren, und was für einen Abschluss hat man dann?
Michael Joachim Heiss: Vier Jahre Mindeststudiendauer, abschliessen tut man mit einem Diplom, ist dann also diplomierter Schauspieler.

Rockefeller-News: Wie hat nach dem Abschluss dein Arbeitsleben als Schauspieler begonnen?
Michael Joachim Heiss: Eigentlich hat das schon während des Studiums mit einigen kleinen Rollen begonnnen – zum Beispiel hatte ich eine Kleine Rolle in “Crook”, mit Moritz Bleibtreu . . .

Rockefeller-News: Moritz Bleibtreu, das ist ja doch ein ordentliches Kaliber, mit dem du da gleich zusammengearbeitet hast.
Michael Joachim Heiss: Schon, ja; ich hatte Glück dass der Regisseur mich über meine damalige Agentur fand und für diese Rolle haben wollte.

(Foto: Andreas Feuerstein)

Heiss als wenig vertrauenerweckende Gestalt im Video zum Song "Crossing Jordan" der österreichischen Death-Metaller "The Sorrow". (Foto: Andreas Feuerstein)

Rockefeller-News: Das waren aber nur kleine Nebenrollen – wann und wo hast du dann dein erstes größeres Engagement bekommen?
Michael Joachim Heiss: Das hat schon einige Jährchen gedauert, in denen ich kleine Rollen in Werbefilmen hatte, Auftritte in Musikvideos, oder Engagements an Theaterbühnen – zum Teil auch für Kindertheater und Jugendliche. Ich war auch beim Tournee-Theater, wo die Bühne jeden Tag woanders aufgebaut wird, und man spielt jeden Tag in einem anderen Teil des Landes, vor anderem Publikum. Das Problem ist, in einem kleinen Land wie Österreich muss man echt selber sehr dahintersein, wenn man nicht den entsprechenden familiären Backgrund hat – also einen Regisseur oder Burgschauspieler als Elternteil, beispielsweise.

Rockefeller-News: Wozu braucht man in einem Musikvideos einen Schauspieler, und wo hast du da schon mitgewirkt?
Michael Joachim Heiss: Zum Beispiel bei Mauracher im Video “Zombie Love” oder bei The Sorrow für “Crossing Jordan”; einen Schauspieler braucht man dazu, weil es mit Leuten die Bühnen- und Kameraerfahrung haben vermutlich leichter ist – Drehzeit und Budget sind ja sehr begrenzt, deshalb sollte der Dreh möglichst flott und professionell durchgezogen werden.

Rockefeller-News: Wie kamst du denn an die ersten größeren Rollen, nach diesen eher mageren Jahren?
Michael Joachim Heiss: Ich habe mich ständig in Workshops weitergebildet – Sprecherkurs, Camera acting Workshop, Bewegungstraining, Improvisation, und so weiter. Die Camera acting Workshops, wo ich mich selber mehr auf die Arbeit hinter der Kamera spezialisiert habe, haben mir sehr geholfen. Erstens habe ich viele Erfahrungen gesammelt, und dieser Workshop war praktisch der Auslöser für diesen Prozess, im Zuge dessen ich dann zum Beispiel die Rolle bei “Revanche” bekommen habe.

Rockefeller-News: Das war ja der Oscar-nominierte Film – welche Rolle hast du dort gespielt?
Michael Joachim Heiss: Ich hatte die Rolle eines Tag-Portiers in einem zwielichtigen Etablissement – eine Nebenrolle zwar nur, aber dadurch dass der Film für den Oscar niminiert wurde, hat er mich natürlich um einiges weitergebracht.

Rockefeller-News: Wer war da mit von der Partie?
Michael Joachim Heiss: Regisseur war Götz Spielmann, als Schauspieler waren zum Beispiel Uschi Strauss (“Schnell ermittelt”), Andreas Lust (2011 österr. Filmpreis für “Der Räuber”) und Johannes Krisch, (Burgschauspieler, unter anderem auch “Kottan – der Film”) dabei.

Rockefeller-News: Zum Oscar hat es aber dann leider doch nicht gereicht, oder?
Michael Joachim Heiss: Leider nein – es ist eben schwierig, aus 5 verschiedenen Filmen, zu total verschiedenen Themen und aus komplett unterschiedlichen Ländern eben den einen wirklich besten Film herauszuziehen – aber insgesamt gesehen war einfach die Nominierung schon eine tolle Sache, gerade für einen österreichischen Film.

(Foto: Marcel A. Mayer)

Nein, das Foto ist nicht aus einem Kaffee-Werbespot - privat ist Heiss nicht so finster wie die Typen, die er meist darstellt. (Foto: Marcel A. Mayer)

Rockefeller-News: Ist Österreich ein Zwerg in der Filmlandschaft?
Michael Joachim Heiss: Die Österreicher haben schon des Öfteren bewiesen, dass sie gute Filme machen können – was es halt leider nicht gibt, ist eine Filmindustrie.

Rockefeller-News: Und im Zuge dessen bist du dann auch nach D gekommen – erzähl mal wie du dir diesen Markt erschlossen hast?
Michael Joachim Heiss: Tja, Frechheit siegt – ich habe meine Bänder an GZSZ geschickt und würde prompt für die Rolle des Koks-Dealers Timo Jacobs engagiert.

Rockefeller-News: Da warst du ja einige Abende im Fernsehen zu sehen?
Michael Joachim Heiss: Es war halt ein Gastauftritt für einige Episoden, hat aber Riesen-Spass gemacht. Vor allem war es wieder eine tolle Erfahrung für mich, denn die Arbeit bei einer Daily Soap ist ganz etwas anderes als bei einem Kinofilm . . .

Rockefeller-News: Wieso, was sind da die Unterschiede?
Michael Joachim Heiss: Die Arbeit wird viel schneller durchgezogen, deshalb muss man dementsprechend auch schneller funktionieren und auf den Punkt abliefern.

Rockefeller-News: Und nach “Revanche” und GZSZ . . . ?
Michael Joachim Heiss: . . . kam “Flores Negras”, ein Geheimdienst-Thriller – da wurde ich auch vom Band weg besetzt. War natürlich auch wieder sehr cool, mit Größen wie Tobias Moretti und Maximilian Schell zusammenzuarbeiten.

Rockefeller-News: Was für eine Rolle hattest du dort?
Michael Joachim Heiss: Da war ich ein Teil eines Gangster-Duos, genaugenommen hatte ich die Rolle eines Bodyguards.

Rockefeller-News: Und dann kam “Atem des Himmels”?
Michael Joachim Heiss: Nein, da kamen zuerst noch Geschichten wie ein Gastauftritt bei “Der Winzerkönig” und eine Nebenrolle bei “Jud Süss”. Dann kam “Atem des Himmels”.

Rockefeller-News: Wie bist du an diese Rolle in “Atem des Himmels” gekommen?
Michael Joachim Heiss: Der Produktionsleiter von “Revanche”, Thomas Feldkircher, war Produzent bei “Atem des Himmels” und hat sich an mich erinnert; als Regisseur Reinhold Bilgeri meine Unterlagen gesehen hatte, wollte er mich persönlich kennenlernen, und so hab ich dann die Rolle bekommen.

Rockefeller-News: Das war bis jetzt deine größte Filmrolle?
Michael Joachim Heiss: Ja, 13 Drehtage auf neun Wochen verteilt, das ist schon eine lange Zeit. Und es war ein toller Dreh: Das Team war klasse, die Zusammenarbeit mit dem Regisseur hat toll funktioniert – es war eine tolle Zeit.

(Foto: Andy Aigner)

Michael Joachim Heiss sterbend im Film "Zersplitterte Nacht". (Foto: Andy Aigner)

Rockefeller-News: Bist du zufrieden mit dir selber, wenn du dich auf der Leinwand oder im TV siehst?
Michael Joachim Heiss: Ich muss das immer drei- bis viermal anschauen, bis ich es mir selber glaube. Ich bin ein Mensch der schwer zufriedenzustellen ist, gerade wenn es um meine eigene Leistung geht. Deshalb versuche ich mich auch immer im Vorfeld so gut wie möglich vorzubereiten, damit mein Spiel auch authentisch wirkt.

Rockefeller-News: Erzähl doch gerade mal am Beispiel von “Atem des Himmels”, wie du dich auf so eine Rolle vorbereitest – du hast dort ja einen Dorfpolizisten gespielt, der zu Zeiten des Krieges noch in der SS war, das ist ja doch nicht ganz ohne, so jemanden darzustellen.
Michael Joachim Heiss: Ich lese sehr viel Sekundärliteratur, ich mach mich mit der Geschichte vertraut, dem sozialen Gefüge zu der Zeit; das macht transparenter, warum die Leute so sind wie sie sind und weshalb sie so und so handeln. Metzler ist eigentlich der Scherge, der Handlanger des Barons, der einerseits der reichste Mann im Dorf ist und andererseits zu SS-Zeiten auch sein Vorgesetzter war. Somit zieht sich das durch, dass Metzler auch Jahre nach dem Krieg noch dem falschen Herrn dient. Es klingt jetzt krass, aber ich habe als Metzler versucht, diese Hingabe für den Nazinalsozialismus nachzuempfinden. Die Figur des Metzler macht aus, dass er während oder kurz nach dem ersten Weltkrieg geboren wurde, in seiner Jugend auf das Deutsch-Nationale eingeschworen wurde und dass ihm nach dem Ende des dritten Reiches irgendwie sein Lebensinhalt abhanden gekommen ist.

Rockefeller-News: Das stelle ich mir nicht ganz einfach vor, sich in so einen Charakter hineinzudenken.
Michael Joachim Heiss: Erstens das, und zweitens ist es auch schwer sich wieder zu lösen von der Rolle. Man beschäftigt sich so intensiv mit der Zeit und den Gegegbenheiten, dass es danach fast ein wenig schwer fällt, diesen Fanatismus, den die Zeit verlangte und der die Rolle untermauert hat, im Privaten wieder loszulassen.

Rockefeller-News:
Das klingt nach einer ganz schönen psychologischen Herausforderung! Gibt’s auch Rollen die man einfach so “runterspielt”?
Michael Joachim Heiss: In diesem Beispiel war es ja eine Figur, der ich praktisch Leben einhauchen musste; da ich ja niemanden nachspiele, habe ich folglich keine Schablone, an die ich mich halten kann und muss der Figur quasi eine eigenen Charakter verleihen – mit allen Höhen und Tiefen: das Frustsaufen, das Aggressive, die Unzufriedenheit. Natürlich ist es ungleich schwieriger, eine Figur in einer Zeit zu spielen die so lang vor meiner Geburt lag, als zum Beispiel eine Rolle die in der Gegenwart spielt. Bei manchen Rollen ist es schon so, dass man mehr oder weniger hingeht und einfach spielt, das liegt dann aber an der Rolle. Als Beispiel: Es ist einfacher jemanden zu spielen der im Jahr 2011 irgendwo eine Zeitung kauft, als jemanden der das zum Beispiel zur Zeit des Ständestaates macht. Das fängt bei der Kleidung an, geht weiter dahin wie sich die Figuren bewegen und setzt sich darin fort, dass die Menschen damals anders gesprochen haben als wir heute.

Rockefeller-News: Es fällt auf, dass du eher die harten Jungs oder die Bösewichte verkörperst . . .
Michael Joachim Heiss: Ich würde gerne mehr Rollen mit psychologischem Tiefgang spielen! Es ist herausfordernder und auch wesentlich interessanter, einer Figur Tiefgang und psychologisches Profil zu verleihen, und ich mache einfach gerne Figurenarbeit. Solche ausgefeilten Charaktere braucht es halt in der normalen Unterhaltungsbranche eher weniger.

(Foto: Christian Schramm)

Mit grimmiger Miene als "Werner Metzler" in "Der Atem des Himmels". (Foto: Christian Schramm)

Rockefeller-News: Wenn du es dir aussuchen könntest – welche Rolle würdest du wirklich gerne mal spielen?
Michael Joachim Heiss: Oh, da gibt es vieles! Es gibt so viele Interessante historische Figuren – aber auf eine festlegen kann ich mich da nicht. Das ist ja das Schöne an meinem Beruf: Man weiss nicht was auf einen zukommt, und die Herausforderung beginnt immer dann, wenn man einen neue Anfrage bekommt.

Rockefeller-News: Welche Schauspieler sind denn deine Vorbilder, welche Art von Film geniesst du selber am meisten?
Michael Joachim Heiss: Ich kann hier ein gutes Beispiel für eine Kombination aus Beidem geben: nämlich “The machinist” mit Christian Bale; der Film hat mir sehr gut gefallen, und es war auch eine ausgereifte Figurenarbeit von Christian Bale. Allein schon das Physische – er hat sich zum Beispiel extrem runtergemagert für diesen Film. Ein weiteres gutes Beispiel wäre “Taxi Driver” mit Robert de Niro – fantastischer Film, großartiger Hauptdarsteller. Generell schaue ich mir vieles an, am liebsten ist mir die Kombination aus einer interessanten Geschichte, guten Schaupielern und einem Regisseur, der genau weiß was er tut. “Das Leben der Anderen” wäre so ein Fall.

Rockefeller-News: Woran arbeitest du im Moment?
Michael Joachim Heiss: Es gibt ein paar Sachen die in der Schwebe sind, aber solange nichts spruchreif ist, möchte ich da nichts dazu sagen. Diesbezüglich bin ich ein wenig abergläubisch. Fix dabei bin ich momentan bei einem Musikvideo-Dreh, auf das freu ich mich schon!

Rockefeller-News: Michael Joachim Heiss, wir bedanken uns für das Interview und wünschen weiterhin viel Erfolg!

Viele Filmausschnitte, umfangreiches Bildmaterial, Curriculum Vitae und weitere Informationen gibt es auf der Homepage von Michael Joachim Heiss
Und für Social Networker gibt’s Michael Joachim Heiss bei facebook

(rockefeller-news/md)

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