Vom reichsten Mann Brasiliens, Eike Batista, hin zum Besuch in die Favela
16. Februar 2012
Reichtum und Armut liegen in Rio de Janeiro nah beieinander. Außenminister Guido Westerwelle bekommt bei seinem Besuch in der brasilianischen Metropole beides zu sehen. Erst trifft er den reichsten Mann des Landes in dessen Konzernzentrale, ein wenig später streift er durch eine Favela ein paar Kilometer weiter. Was der deutsche Chefdiplomat an beiden Stationen beobachten kann, ist eines: Das Land strebt unaufhaltsam nach oben.
Westerwelles erste Station an diesem Tag ist die Unternehmenszentrale der EBX-Holding. Die Unternehmensgruppe macht ihr Geld mit Bergbau, Öl, Gas, Energie und Logistik. Gründer und Chef des Konzerns ist Eike Batista. Er startete mit dem Gold- und Diamantenhandel. Heute ist er der wohlhabendste Mann Brasiliens und gehört zu den Top-Verdienern der Welt.
Der 55-Jährige denkt gerne in großen Dimensionen. Gerade arbeitet er am Aufbau eines gigantischen Hafens im Norden von Rio und sucht dafür nach Investoren. Westerwelle ist mit einer Wirtschaftsdelegation in Lateinamerika unterwegs. Deutsche Firmen sind kräftig in Brasilien aktiv und schielen auf weitere Kooperationsmöglichkeiten mit dem Aufsteigerland.
Ja, sein Land sei ein großer Markt für deutsche Unternehmen, sagt Batista nach dem Gespräch mit seinem Gast. “Es ist der richtige Moment, um nach Brasilien zu kommen.” Und die Zukunft für das Land? Die sehe besser aus als die Europas, erklärt Batista forsch. Der wirtschaftliche Erfolg Brasiliens führt ohne Zweifel zu einem gesteigerten Selbstbewusstsein.
Westerwelle steht daneben und schaut leicht irritiert. “Das kann man auch anders sehen”, sagt er und setzt ein diplomatisches Lächeln auf. Die Zukunft sehe doch für beide gut aus – für Brasilien wie für Europa. Nur müsse Europa klug sein und rechtzeitig die richtigen Partnerschaften eingehen. Auch Deutschland will vom Erfolg der neuen Aufsteiger profitieren.
Polizeipräsenz in Armenvierteln wegen Fußball-WM
Viele Brasilianer hätten ebenfalls gerne etwas mehr vom Aufschwung ihres Landes. Doch die sozialen Ungleichheiten sind immer noch groß. Ein paar Kilometer von Batistas schicker Konzernzentrale entfernt liegt eines der Armenviertel der Stadt, die Favela Mangueira. 30.000 Menschen leben hier. Allerdings tut sich auch hier einiges.
Die Polizei hat in dem Viertel ihr Lager aufgeschlagen, wie in vielen anderen Favelas in Rio. 2014 steht hier die Fußballweltmeisterschaft an. Anarchische Armenviertel, in denen Kriminelle und Drogendealer ihr Unwesen treiben, können die Behörden nicht gebrauchen. In einem Armenviertel nach dem anderen bemüht sich die Polizei deshalb um Ordnung, vertreibt die Dealer und Gangster und baut dort dauerhafte Stationen auf. Kritiker meinen, das Problem sei damit nicht gelöst, nur anderswo hin verdrängt.
In Mangueira gibt es bereits eine solche Polizeistation, in einem schlichten Container. Westerwelle hat dort auf einem Klappstuhl Platz genommen. Ein Polizist erklärt das Konzept. Frieden auf Dauer sei das Ziel. Dabei gehe dabei auch um einen Wandel in den Köpfen. Die Menschen müssten verstehen, dass der Drogenhandel in ihrem Viertel nichts Gutes habe, und die Polizei als Partner akzeptieren.
Bei manchem scheint das schon geklappt zu haben. Beim anschließenden Gang durch die schmalen Gassen des Viertels klopft der Polizist einem Jungen im Vorbeigehen auf den Bauch, der scherzt zurück. Ein paar Kinder laufen der eigenartigen Besuchergruppe aus Deutschland hinterher, die sich ihren Weg um schlafende Katzen und Hundehaufen auf der Straße bahnt.
Ein paar Ecken weiter ändert sich das Bild: Auf einem alten Fabrikgelände ist ein Wohnprojekt entstanden. Hier stehen hell gestrichene Häuser mit Solarkollektoren auf dem Dach. Die hat Deutschland bezahlt. Hinter dem Häuserblock zieht sich eine kleine Wiese den Hügel hoch. Oben ist ein Fußballplatz und ein kleiner Spielplatz mit Holzwippen und einer Rutsche. Auch die sind ein Geschenk aus Deutschland.
“Mein Name ist Guido”
Die Jungs auf dem Fußballplatz hüpfen und johlen, als sie den Besucher entdecken. Um Westerwelle bildet sich eine kleine Traube von Kindern. Der FDP-Mann plaudert: Wie sie heißen, wie alt sie sind, will er wissen – und ob sie viel Fußball spielen. Die kleinen Favela-Bewohner antworten artig. “Und wie heißt du?”, fragt eines der Mädchen. Westerwelle lächelt etwas verlegen: “Mein Name ist Guido.”
Ein “bemerkenswertes Projekt” sei das in Mangueira, befindet der Minister zum Schluss. “Die Menschen leiden unter der Gewalt”, sagt er. Es sei gut, dass die Polizei dagegen ankämpfe. Und ob der Frieden in der Favela von Dauer sei, müsse sich zeigen. “Wichtig ist dranzubleiben. Nichts geht über Nacht.” Brasilien hat noch einiges vor, nicht nur in Mangueira und der EBX-Zentrale.
(rockefeller-news/dapd)
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