Undercover unter Nazis bei der Berlinale
17. Februar 2012
Auf Konzerten wie diesen hätten die Mitglieder des “Nationalsozialistischen Untergrunds” (NSU) sicher auch gern gegrölt. Quer durch Deutschland wird da gesungen “Blut muss fließen, knüppelhageldick und wir scheißen auf die Freiheit dieser Judenrepublik“. Seit 2003 hat ein Journalist dieses tiefbraune Treiben bei Rockkonzerten heimlich und unter Lebensgefahr gefilmt. Seine Arbeit zeigt die Dokumentation “‘Blut muss fließen’ – Undercover unter Nazis“, den die Berlinale am Donnerstag in der Sektion Panorama als Weltpremiere zeigte.
Zahlreiche Morddrohungen gehören zum Geschäft des Reporters. “Man muss zeigen, was da läuft”, begründet er in dem Film von Regisseur Peter Ohlendorf seine Motivation. In der zivilen Öffentlichkeit tritt der Journalist nur unter dem Pseudonym Thomas Kuban und mit einer blonden Heino-Perücke und grell gelbem Jackett getarnt in Erscheinung. Für seine Recherchen verwandelt er sich äußerlich mit Bomberjacke, Lonsdale-Hemd und Springerstiefel in einen Neonazi.
Angst als Begleiter
“Damals, beim ersten Versuch, da hatte ich Angst”, erinnert sich Kuban an seine Premiere. Mit einer winzigen Kamera im Knopfloch hielt er körnige Bilder brüllender Neonazis fest, die im Fernsehen ausgestrahlt wurden und die Szene aufschreckten.
Über Ankündigungen im Internet und Instruktionen per Handy fand und besuchte Kuban rund 40 Konzerte – oft in Ostdeutschland, aber auch in Hessen, Bayern, England, Frankreich, Ungarn und in der Schweiz. Er traf auf glatzköpfige Männe und nett aussehende Jugendliche, die begeistert mitsangen, wenn es um U-Bahnen nach Auschwitz ging. Kuban zeigt Orte, an denen Hitlergruß und “Heil Hitler”-Rufe so selbstverständlich sind wie Händeschütteln und “Guten Tag”.
2007 wurden Kuban und zwei weitere Kollegen für ihre Recherchen im tiefbraunen Sumpf vom Netzwerk Recherche ausgezeichnet. Laudator Heribert Prantl von der “Süddeutschen Zeitung” würdigte ihr Engagement als “praktizierten Verfassungsschutz”.
Allzu oft musste sich Kuban aber fragen, wo denn der Staat bei den rechten Rockkonzerten bleibt, selbst wenn vor der Tür Polizisten stehen, aber nicht eingreifen. Für die Ordnungshüter sei es möglicherweise manchmal schwer zu erkennen, wo die künstlerische Freiheit ende, meinte dazu 2007 auf Kubans Frage Günther Beckstein, damals bayerischer Innenminister.
Zivilcourage hilft
Die Dokumentation zeigt aber auch positive Beispiele dafür, wie ein konsequentes Eingreifen von Polizei oder auch Bürgern Neonazi-Konzerten Einhalt gebieten können. Denn die Musik, so heißt es mehrfach in dem Film, ist für Jugendliche die “Einstiegsdroge Nummer eins” für eine rechte Gesinnung. Umso mehr gilt das in Gebieten, wo derartige Veranstaltungen die einzigen Freizeitangebote für junge Menschen darstellen.
Kubans heimlich gefilmten Videos wurden von Fernsehmagazinen wie “Kontraste” ausgestrahlt, das Interesse an seiner warnenden Stimme hatte aber Grenzen. Zum Teil musste er sich für seine Recherchen Geld leihen und jahrelang nach dem Besuch seines letzten Nazi-Konzerts war kein Fernsehsender an der Dokumentation interessiert.
Dann flog die Zwickauer Terrorzelle auf. Terror von rechts sei in Deutschland nicht neu, sagt Kuban und erinnert an die Angriffe auf Asylbewerber 1991 in Hoyerswerda oder an den Bombenanschlag auf das Münchner Oktoberfest von 1980. Am Ende der Dokumentation stellt er die bange Frage: “Wie lange wird das Entsetzen dieses Mal anhalten?”
(rockefeller-news/dapd)
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