Feuerzeichen für Wotan und Walfänger auf Amrum
19. Februar 2012
Vor 30 Jahren war das Biikebrennen nach Ansicht von Kai Quedens noch aufregender und ursprünglicher. Weniger touristisch. Der 46-jährige Amrumer erinnert sich gerne an das Entzünden großer Feuer am 21. Februar überall auf den nordfriesischen Inseln und an der oberen Westküste, so wie er es in seiner Kindheit erlebt hat. Inzwischen ist der Brauch zu einem lukrativen touristischen Großereignis außerhalb der Sommersaison geworden. Das bedauert Quedens ein wenig.
Die Konfirmanden der Inseldörfer sammelten in Kai Quedens Jugend ab Anfang Januar das Holz für die Biike. “Jedes Dorf wollte das größte Feuer haben. Wir sind wochenlang durch die Gegend gezogen auf der Suche nach Brennmaterial. Dann wurde alles fest und sicher aufgeschichtet. Am Biikeabend durfte der älteste Konfirmand das Feuer schließlich entzünden”, sagt er.
Biike oder Biake, wie es auf Amrum heißt, ist der friesische Ausdruck für Feuerzeichen. Die großen Freudenfeuer werden am Vorabend des Petritages (22. Februar) abgebrannt. “Ursprünglich waren das Opferfeuer für den heidnischen Gott Wotan”, sagt Kai Quedens. “Heute feiert man damit das Ende des Winters.” Heimatforscher kennen noch zwei weitere Feiergründe: Die Nordfriesen hielten lange an ihrem heidnischen Glauben fest und wollten mit dem Feuer böse Geister vertreiben. In der Biike wird an vielen Orten noch heute eine Strohpuppe, das Petermännchen, verbrannt. Es soll den damals verhassten Papst in Rom darstellen.
Feuer zum Abschied für die Männer
Und auch als Abschiedsfeuer galt die Biike in früheren Jahrhunderten. Unzählige Insulaner verdienten den Lebensunterhalt als Walfänger. In der zweiten Februarhälfte verließen sie ihre Heimat, um bis zum Herbst auf den Weltmeeren zu jagen. Ihre Frauen entzündeten zum Abschied Feuer am Strand.
Welche Erklärung auch immer richtig ist, der Biikebrauch überstand die Jahrhunderte. Nur im Zweiten Weltkrieg wurde er verboten, weil die Engländer durch den Feuerschein die Inseln und Küstenstreifen hätten ausspähen können. Denn im hohen Norden waren wichtige militärische Einrichtungen der deutschen Marine untergebracht.
Seit etwa 15 Jahren steht das Biikebrennen auch touristisch hoch im Kurs. Für die großen Feuer ist heute nicht mehr die Jugend, sondern aus Brandschutzgründen die Dorffeuerwehr zuständig. Immer mehr Menschen aus den Großstädten fahren an die Nordsee, um den Winter zünftig zu verabschieden. Am Nachmittag des 21. Februar sind die Züge von Hamburg in Richtung Westerland auf Sylt zum Bersten voll. Shuttlebusse fahren von der Husumer Innenstadt zu den Feuerstellen direkt an der Nordsee.
“Es gibt dann Glühwein- und Wurststände am Feuer, und gegen die Kälte schützen nicht mehr nur die Flammen der Biike, sondern auch Heizpilze”, sagt der Amrumer Quedens. Der Maler und Grafiker ist vor zwei Jahren von Hamburg auf seine Heimatinsel zurückgekehrt. Zwar bedauert er die Vermarktung des alten Brauchs, missen möchte er das Biikebrennen aber nicht: “Deshalb halte ich in diesem Jahr auch die Biike-Rede in meinem Wohnort Norddorf.” Die ist in Friesisch, danach noch mal für die Auswärtigen in Hochdeutsch. Doch sie endet immer mit dem Satz: “Maaki di biiki ön (Mach die Biike an).”
Wenn das Feuer dann brennt, wird Kai Quedens ein Bier trinken und dann vielleicht noch in den kleinen Amrumer Ort Steenodde weiterfahren. “Dort ist die Biike kleiner, aber sie liegt ganz idyllisch direkt am Meer. Hier sind die Insulaner noch fast unter sich – ein echter Geheimtipp für Biikefans.”
(rockefeller-news/dapd)
« Dilettanten gelang vor zehn Jahren MillionencoupJoachim Gauck soll neuer Bundespräsident werden »










