“Ich will wieder turnen können!” – Samuel Koch

24. April 2012

Buchveröffentlichung "Zwei Leben" von Samuel Koch und Christoph Fasel. (Foto: M.Hitij/dapd)
Buchveröffentlichung “Zwei Leben” von Samuel Koch und Christoph Fasel. (Foto: M.Hitij/dapd)

 

Am 4. Dezember 2010 um 20.38 Uhr geht Samuel Kochs erstes Leben zu Ende. “Rechter Fuß, linker Fuß, Einsprung, Absprung – hoch in den Salto!”, denkt er noch, kurz bevor es knallt und Nacht wird. Nahezu zehn Millionen Menschen erleben mit, wie der junge Mann in der 191. ZDF-Show “Wetten, dass..?” in der Düsseldorfer Messehalle mit Sprungstelzen an den Füßen über ein fahrendes Auto springt, mit dem Kopf gegen die Dachkante des Fahrzeugs schlägt und zu Boden stürzt. Dort bleibt er reglos liegen. Nur einmal soll er kurz die Augen aufgeschlagen und zu seinem Vater gesagt haben: “Papa, ich will wieder laufen können!”

In seinem zweiten Leben kann Samuel Koch nicht laufen. Er kann so vieles nicht mehr. “Meine Hände hängen herunter wie abgestorbene Tintenfischtentakeln, mit meinen Fingern kann ich nichts greifen oder halten. Aber ich kann wenigstens ohne technische Unterstützung atmen”, beschreibt der 24-Jährige seinen körperlichen Zustand in seiner Autobiografie “Zwei Leben” (erschienen im Adeo-Verlag). Samuel ist seit seinem Unfall vom Hals abwärts gelähmt.

Er denke oft an den alten Samuel und verdränge die Vergangenheit nicht. “Ich sehe sie als einen kostbaren Schatz”, sagte Koch bei der Vorstellung seines Buches am Montag in Berlin. Natürlich gebe es auch dunkle Momente, aber “es wäre kein ästhetisches Bild, wenn ich hier sitzen und weinen würde”. Sein Buch solle “ein Mutmacher sein für alle, die ein ähnliches Schicksal erlitten haben”.

Medialen Hype neu entfacht

Auszüge aus dem Buch hat die “Bild”-Zeitung in den vergangenen Tagen vorab veröffentlicht. Das Boulevardblatt hat den medialen Hype um den verunglückten Wettkandidaten neu entfacht. “Auf die Popularität würde Samuel gerne verzichten”, sagt Kochs Co-Autor und Journalist Christoph Fasel im Gespräch mit dapd. Doch Koch profitiert auch von der Aufmerksamkeit, die sein Unfall in der Öffentlichkeit ausgelöst hat. “Wäre ich beim Obstbaumschneiden in einem schwäbischen Schrebergarten von der Leiter gekippt und hätte mir exakt die gleiche Verletzung zugezogen, hätten nicht so viele Hähne nach mir gekräht”, schreibt er. Wäre er nicht so bekannt, hätte er wohl kaum ein Buch geschrieben.

Das Geld aus dem Buchverkauf kann Koch gut gebrauchen: Im April habe Samuel sein Schauspielstudium in Hannover wieder aufgenommen, sagt Fasel. Er lebe in einer barrierefreien Wohnung und werde rund um die Uhr von Pflegekräften betreut.

Geld war ein Anreiz für die Wette

Co-Autor Fasel sagt, das Buch sei “ein Stück Selbstverarbeitung”. Es ist auch eine Rechtfertigung. Nein, das ZDF habe seine aufwendige Behandlung nicht bezahlt, betont Koch in “Zwei Leben”. Er habe vom Sender zwar “einen pauschalen Betrag” erhalten, für den größten Teil der Behandlungskosten sei aber seine eigene Krankenkasse aufgekommen.

Geld war auch ein Anreiz für seinen Auftritt bei “Wetten, dass..?”. Über die fatale Wette schreibt Koch: “Ja, der Auftritt bei ‘Wetten, dass..?’ war eine Herausforderung, die mich reizte. Ja, das Geld, das ich als Wettkönig verdient hätte, hätte ich sehr gut gebrauchen können.” Den Einsatz hätte er fast mit dem Leben bezahlt.

Trotzdem würde Koch die Wette jederzeit wiederholen, wenn er könnte, sagt Fasel. Riskant sei der Einsatz nicht gewesen, meint der Journalist. Samuel habe monatelang trainiert und mehr als 500 Sprünge absolviert, ohne sich verletzt zu haben. Er habe den Auftritt minutiös geplant und “sogar eine Zeit lang mit dem Gedanken gespielt, mit verbundenen Augen zu springen”.

“Wer sonst sollte schuld sein außer mir?”

Warum er zu flach absprang und deshalb mit dem Kopf das Dach des Autos touchierte, kann der 24-Jährige nicht mehr sagen. “Auch wenn ich noch sehr in meiner Erinnerung krame – viel weiß ich nicht mehr von dem Sturz und den Sekunden davor.” Der Kandidat selbst habe den Unfall durch Fehler im Bewegungsablauf verursacht, heißt es in einem sportwissenschaftlichen Gutachten, welches das ZDF im Januar 2011 vorstellte. In der ARD-Talkshow “Günther Jauch” am Sonntag sagte Koch zur Schuldfrage: “Wer sonst sollte schuld sein außer mir?”

Den Ärzten habe er zu keinem Zeitpunkt Vorwürfe gemacht. “Ob Fehler gemacht wurden oder es andere Möglichkeiten gab, weiß keiner, und es herauszufinden, verändert meine Situation nicht”, sagt der ehemalige Turner, der seinen Körper nach dem Unfall noch gespürt hat. Die Lähmung sei erst später aufgetreten.

Niemand könne sagen, ob und wenn ja, wie viel von seiner Bewegungsunfähigkeit zurückkommt. “Es kann sein, dass sich erst nach zwei Jahren etwas tut. Es kann auf einen Schlag geschehen. Oder in 30 Jahren. Oder nie.” Würde das Wunder geschehen, wäre es der Beginn seines dritten Lebens.

(Samuel Koch/Christoph Fasel: “Zwei Leben”, Adeo-Verlag, ISBN 978-3-942208-53-6, 17,99 Euro)

(rockefeller-news/dapd)

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