“Wir woll’n den Kanzler sehen” – Die SPD-Troika in Elmshorn

26. April 2012

"Lustig gehts her", bei der politischen Situation Deutschlands. (Foto: P.Gülland/dapd)
“Lustig gehts her”, bei der politischen Situation Deutschlands. (Foto: P.Gülland/dapd)

 

Comeback in Elmshorn: Eineinhalb Wochen vor der Landtagswahl in Schleswig-Holstein sind die drei potenziellen Kanzlerkandidaten der SPD erstmals in diesem Jahr gemeinsam aufgetreten. Der Parteivorsitzende Sigmar Gabriel, Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier und Ex-Finanzminister Peer Steinbrück warben am Mittwochabend für den Machtwechsel im Norden und den Spitzenkandidaten Torsten Albig.

Der Kieler Oberbürgermeister und einstige Sprecher Steinbrücks kann Schützenhilfe gebrauchen. Die Umfragen sagen für den 6. Mai in Schleswig-Holstein ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen ihm und der derzeit regierenden CDU mit ihrem Spitzenkandidaten Jost de Jager voraus. Der Auftritt des Trios in der SPD-Hochburg war mit rund 500 Zuhörern jedenfalls gut besucht, trotz harter Konkurrenz: Zeitgleich trafen am Mittwochabend im Halbfinale der Champions League die Fußballer von Real Madrid und Bayern München aufeinander.

“Die Mitglieder werden entscheiden”

Sportlich war auch der Rahmen in Elmshorn. Die Genossen hatten in der kargen EMTV-Sporthalle vor einer purpurnen Wand ein Rednerpult und rote Stehtischchen aufgebaut. Die Basis lauschte den Ausführungen auf Holzstühlchen. Wer wollte, konnte sich ein Bier aus der Vereinsgaststätte “Turnerheim” bringen lassen. Dort sind gerade “Frikadellenwochen”: Die Variante “Athen” wird mit Oliven und Schafskäse serviert.

Die Jusos hatten zum Heimspiel Fahnen mitgebracht, riefen beim Einmarsch der Troika: “Wir woll’n den Kanzler sehn, wir woll’n den Kanzler sehn”. In der Podiumsdiskussion versprach Gabriel schließlich, die SPD werde bei mehreren Bewerbern für die Kanzlerkandidatur die Basis befragen: “Wenn es mehrere gibt, werden das die Mitglieder der deutschen Sozialdemokratie entscheiden.”

Dann stellten die Spitzengenossen ihre Fähigkeiten als Wahlkämpfer unter Beweis. Der Parteichef lobte Albig als “hervorragenden Kandidaten” für Schleswig-Holstein. “Ich bin sicher, dass er es am 6. Mai schaffen wird”, rief Gabriel.

“Nicht nur rund um den Reichstag”

Zudem lieferte Gabriel ein flammendes Plädoyer für das flache Land. “Es soll Journalisten geben, die sich darüber lustig machen, dass wir drei nicht vor der Bundespressekonferenz in Berlin auftreten”, spottete er. In Elmshorn sei aber die Politik genauso zuhause wie in Hamburg oder Berlin. Sozialdemokraten wollten über das Leben Bescheid wissen. “nicht nur auf dem Bierdeckelradius rund um den Reichstag”, rief er unter dem Applaus der Genossen.

Steinmeier zeigte sich einmal mehr als verantwortlicher Staatsmann. Er kritisierte “die Ignoranz einer Bundesregierung, die nicht weiß, dass wir nicht auf einer Insel der Seligen leben.” Erforderlich sei die politische Mitarbeit an der Stabilisierung Europas, “ohne sich halb Europa zum Feind zu machen.”

Steinbrück wiederum verteidigte die von der SPD geplante Erhöhung des Spitzensteuersatzes. Er wolle zudem das Kapital stärker besteuern “und damit einen Fehler, an dem ich selber beteiligt war, revidieren”, gab sich der Ex-Finanzminister ungewohnt bescheiden. Für gute Stimmung in Elmshorn sorgte er mit kleinen Seitenhieben auf die benachbarten Hamburger, die doch “manchmal sehr arrogant” seien. Die Lacher waren auf seiner Seite.

“Hochachtung vor sich selbst”

Gemeinsam hatten sich die drei SPD-Spitzenpolitiker zuletzt Mitte Juli vergangenen Jahres vor der Presse in Berlin präsentiert. Damals boten sie aus Sorge um Europa Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) eine informelle große Koalition an. Nach diesem spektakulären Auftakt traf sich das Spitzentrio dann lieber hinter den Kulissen. Zuletzt wurden Meinungsverschiedenheiten zum Fiskalpakt öffentlich.

Das SPD-Urgestein Egon Bahr verglich das unterschiedliche Dreigestirn kürzlich mit der einstigen Troika aus Willy Brandt, Helmut Schmidt und Herbert Wehner. Heute wie damals seien die drei Sozialdemokraten an der Spitze “von der gleichen Disziplin geprägt”, dem gemeinsamen Interesse, dieses Land regieren zu wollen und von der “gleichen Hochachtung vor sich selbst”, analysierte Bahr verschmitzt.

Wahlkämpfer Albig selbst konnte wegen eines Termins erst mit Verspätung auf das Podium in Elmshorn klettern. Dann aber gelang ihm ein trockener Scherz: “Der künftige Kanzler der Bundesrepublik Deutschland steht hier auf der Bühne, man weiß nur nicht wo.”

(rockefeller-news/dapd)

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